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Am 20.01.2016 wurde der 45. Präsident der USA auf den Stufen des Kapitols in sein Amt eingeführt. Wie man zu seiner Politik steht, muss jeder selbst entscheiden. Aber man liesst man seit dem 05.11.2016 die Kommentare über den neuen Monarchen auf Zeit im Weissen Haus könnte man meinen, die Welt würde sich plötzlich in die entgegengesetzte Richtung drehen und mit dem 20.01.2017 wäre ein epochaler Umbruch erfolgt.

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Einen Tag nach der Amtseinführung sollte diese Häme eigentlich vorbei sein – die Welt dreht sich weiter wie gewohnt und in München beispielsweise scheint weiterhin in die Sonne. Der Blick auf die Kommentare erlaubt jedoch einen Blick auf das Seelenheil der Deutschen.

Obamas Ära – das Ende der Zeit

In einem lesenswerten Artikel schreibt Thomas Speckmann, Redenschreiber von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, in der Süddeutschen sehr deutlich, dass die erfolgreichsten Präsidenten der USA in der Aussenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg immer die Republicans waren: Nixon, Reagan, Bush sen., Bush jun. Dies sollte bereits zu denken geben. Denn die aussenpolitische Bilanz von Barack Obama ist extrem dünn und seinen Ankündigungen von Cairo im Jahr 2009 sind nahezu keine Taten gefolgt. Obama hat den Arabischen Frühling beispielsweise an sich vorüber ziehen lassen und ganz im Gegenteil, in Ägypten die Rückkehr einen Militärdiktators zugelassen und in Syrien sich geweigert, den hehren Worten auch Taten folgen zu lassen. Die Flüchtlingsströme nach Europa sind auch seine Flüchtlingsströme und so ist es folgerichtig, dass er Angela Merkel in sein Herz geschlossen hat.

Selbst eines der zentralen aussenpolitischen Versprechen Obamas, die Schliessung des Gefangenenlagers Guantanamo, ist nicht erfolgt. Bis heute sitzen rund 70 Menschen dort ein, seit fast einem Jahrzehnt ohne Gerichtsurteil und dies in einem Staat, welches auf den Habeas Corpus soviel Wert legt: Kein Mensch darf ohne Urteil in seiner Freiheit beschränkt werden. Guantanamo und die zahlreichen anderen US-Geheimgefängnisse rund um den Globus sind bis heute die Archillesferse der US-Aussenpolitik und es keinem Potentaten zu erklären, warum sie sich daran halten sollen und die USA ganz selbstverständlich dagegen verstossen.

Aussenpolitischer Erfolg von Obama ist sicher das Ende der diplomatischen Eiszeit mit Cuba und dem Iran. Das Atomabkommen mit dem Iran ist ein grosser Fortschritt, das Perserreich wieder in die internationale Gemeinschaft zurückzuführen, da viele Konflikte in der Region auch dadurch am Köcheln gehalten wurden da der Iran nicht beachtet wurde. Auch Donald Trump wird daran nicht rütteln, wie jüngste Äusserungen bereits belegen.

Barack Obama wird innenpolitisch mit Obamacare in Erinnerung bleiben, der Krankenversicherung vor Familien und Arme. Dies war eine richtige Entscheidung und sie wird, wenn auch mit Veränderungen, im Kern weiterhin Bestand haben.

Allerdings ist die Heroisierung Obamas mehr als bedenklich. Da wird die Begnadigung einer Bradley Chelsea Mannings von den Linken dieser Welt gefeiert – obwohl sie unter Obama zunächst verurteilt wurde und nebenbei übersehen wird, dass sie sich über das Gesetz stellte und viele Menschen ernsthaft in Leib und Leben bedroht hat. Auch die vielfach gefeierten Rechte für Minderheiten entpuppen sich am Ende als die Fortsetzung einer Politik heraus, die sich bereits unter Bill Clinton abzeichneten.

Obama war kein schlechter Präsident – eine Heroisierung zum Goldenen Zeitalter verbietet sich jedoch. Dazu waren die Erwartungen (die von ihm letztlich selbst angefacht wurden) viel zu hoch und die Taten zu gering.

Trumps Programm und manches Verständnis von demokratischen Wahlen

Trump ist ein Heissporn, der sich gern missverstanden sieht und die Medien eher umgeht. Sein Instrument ist Twitter und mit der Amtsübernahme besitzt er nunmehr gleich zwei davon. Er agiert anders und die Debatte um die Nachzählung der Stimmen oder die Äusserungen von Meryl Strep bei der Oskar-Verleihung zeigen: manchmal ist ein Tweet ein Tweet zu viel. Manche Kommentare dazu wie beispielsweise jener von Liane Bednarz zeigen jedoch eher das Unverständnis im Umgang mit den Social Medias als ein Verständnis für eine sich verändernde Kommunikation, die auch in der Politik Einzug gehalten hat.

Der Umgang mit Trump offenbart jedoch ein Verständnis von demokratischen Wahlen, welches sehr bedenklich anmutet: kommt nicht das von mir erwartete Ergebnis zu Stande, will ich auch nicht mehr mitspielen. Auch wenn dies bereits protokollarisch eher unangemessen gewesen wäre ist der deutsche (Noch-) Aussenminister Frank-Walter Steinmeier ein beredetes Beispiel: erst bezeichnet er den Kandidaten Trump als Hassprediger und verweigert ihm schliesslich die Gratulation zum Wahlgewinn. Ein diplomatisch einmaliger Affront und der Cicero titelte nicht umsonst „Steinmeier außer Rand und Band“. Allerdings traf der künftige Bundespräsident (!!!) den Nerv des Mainstreams – als wäre der US-Präsident ein deutscher Politiker.

Die Situation ist in den USA jedoch nicht viel besser. Meryl Streps Worte in Los Angeles sind ihre Privatmeinung (und waren inhaltlich auch angebracht). Dass aber über 70 Kongressmitglieder der Amtseinführung ferngeblieben sind zeigt ein Verständnis von Politik, welches in einer Demokratie eigentlich schlicht nicht angebracht ist. Man möge sich erinnern: Trump ist durch einen Vorwahlkampf der Republicans gegangen und hat eine demokratische Wahl gewonnen. Sicher, der Wahlkampf wurde gerade von seiner Seite mit teilweise unfairen Bandagen geführt und sein Programm ist zumindest hinterfragenswert. Trump wurde aber vor allem als Kandidat gegen das Washingtoner Establishment und die etablierte politische Klasse gewählt – und zwar sowohl innerhalb der Republicans wie auch der Democrats. Nicht umsonst hat er innerhalb der Republicans in den Vorwahlen alle etablierten Kandidaten beiseite gewischt in einem einmaligen Akt gegen die gesamte Parteiführung und alle ehemaligen republikanischen Präsidenten. Die Medien, die sich nun auf Trump eingeschossen haben, sollten sich deshalb fragen welchen Anteil sie selber an diesem Wahlsieg Trumps haben und bei einer ehrlichen Analyse würden sie zu dem Schluss kommen, dass dieser erheblich ist.

Wohltuend ist deshalb, was Trump’s demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton sagte, warum sie an der Inaugural Ceremony teilgenommen hat:

Dies ist nicht nur Demokratie, dies ist auch menschliche Grösse – die vielen in den USA wie in Europa abgegangen ist.

Interessant ist aber auch, was Trump wirklich sagt. Es lohnt sich immer wieder genauer hinzuschauen und nicht nur die überlieferten Einschätzungen der Medien zu lesen, wie Welt online auf der Basis der Kommentierungen eines Interviews Trump’s mit der New York Times und BILD eindrucksvoll bewiesen hat ist ungewöhnlich, sie folgt aber seinem Programm und seiner Wahlkampagne.

Wenn Trumps gleich zu Beginn ausführt „For too long, a small group in our nation’s Capital has reaped the rewards of government while the people have borne the cost.”, so ist dies ein Affront gegen alle Politiker – und eine glasklare Fortsetzung der Wahlkampfrhetorik. Aber Trump hat mit eben jenen Aussagen seinen Wahlsieg erst möglich gemacht und im Gegensatz zu allen republikanischen Kandidaten vor ihm ist er der erste wirkliche Kandidat der von ausserhalb des politischen Betriebes kommt. Trump hat jedoch bereits zahlreiche Washingtoner Insider um sich herum gescharrt, ohne die er nicht auskommen wird wenn er seine Regierung bilden will.

Viele die Trump dann kritisieren für seine Aussage „From this moment on, it’s going to be America First.“ seien daran erinnert, dass Trump nicht der erste Präsident mit einer solchen Aussage ist und – wohl wichtiger – dass er damit seinem Amt und Eid folgt. Er ist der Präsident der USA und hat zuallererst die Interessen der USA und seiner Wähler zu vertreten. Und in der Tat: vieles im Bildungssystem und in der Infrastruktur der USA liegt im argen. Das US-Bildungssystem ist eine – gelinde gesagt – Katastrophe, welches für Eliten exzellent ist aber die breite Masse vergisst. Bis heute haben die USA keine Berufsbildung etabliert, welches zu einem massiven Fachkräftemangel führt. Nichts anderes als dies zu beheben hat Trump im Wahlkampf und nunmehr auch in seiner Antrittsrede zugesagt.

Trumps Rede mag deshalb rhetorisch überziehen und dem neuen Amtsinhaber geht die Eloquenz ab, die man von einem Präsidenten erwartet. Inhaltlich lässt sich jedoch nur wenig dagegen sagen. Man muss Trump nunmehr an seinen Taten messen – und während der Transition Periode ist er schon von zahlreichen Wahlkampfaussagen wieder abgerückt. Auch dies ein normaler Vorgang, diesseits und jenseits des Atlantik.

Beispiel Spiegel Online: wie man sich selbst ins Abseits stellt

Der Hass, der auf Trump niedergeht, zeigt sich in vielen Kommentatoren und er ist nur schwer verständlich. Einer, der bereits unter George W. Bush eine flinke Feder hatte, war Marc Pitzke und mit Donald Trump hat ein neues Objekt seiner Begierde gefunden. Pitzke steht jedoch, und dies zeigt gleich sein erster Kommentar, auf was wir uns in den kommenden Jahren in den deutschen Medien einstellen können: Polemik und eine Unfähigkeit zur Reflexion.

Day one“ überschrieb Pitzke seinen Artikel als wäre es der erste Tag einer neuen Zeitrechnung. Für Pitzke waren die Rituale des neuen Präsidenten eine besondere Aufmerksamkeit wert. Dass Trump noch im Kapitol die ersten Anordnungen unterschrieb noch vor einem Dinner mit Kongressmitgliedern – was bei Obama ganz anders und vor allem nach Pitzke eher angemessen war. Auch Obamas erste Inaugural Adress war mit der doppelten Länge angemessener als Trumps 16minütige Ansprache – wohlgemerkt, der Inhalt spielte hier nur eine geringe Rolle wenn man von den allgegenwärtigen Platitüden einmal absieht.

So wurde Obamas Klimawechsel-Homepage ersetzt von einem Pamphlet, welches das Ende der “lästigen Einschränkungen der Energieindustrie” verspricht.

Dass Pitzke anmerkt, dass der Austausch der Website zwischenzeitlich ein übliches Ritual ist, fällt dabei gar nicht mehr weiter auf. Denn Pitzke – und mit ihm die gesamte Journalie – geht nach dem Motto „wenn zwei das Gleiche tun ist dies noch lange nicht dasselbe.“ Denn auch Obama hatte mit dem Amtsantritt Bush jun. Website archiviert und seine eigene installiert – und auch Trump hat Obamas virtuelle Präsenz nicht verschwinden lassen, sondern sie dem NARC übergeben, wo sie entsprechend den gesetzlichen Vorschriften für die virtuelle Archivierung vorbereitet wird.

Pitzke kann aber noch haarsträubender:

Der Aktionismus hat aber auch einen Vertuschungseffekt: Hinter den Kulissen tritt Trump seine Regentschaft weitgehend noch ohne Personal an.

Pitzke scheint hier einen kleinen, aber feinen Unterschied zum deutschen System übersehen zu haben: ein Grossteil der Regierungsämter – vom Minister bis zum Botschafter – bedarf der Bestätigung durch den Senat. Und auch Pitzke hat durchaus gerne in der Vergangenheit über die Grillsessions in den jeweiligen Senatsausschüssen berichtet. Ehe Bill Clinton Justizministerin Janet Reno ernannt werden konnte, mussten zwei andere Kandidaten vorher ihren Hut wieder einziehen und auch Barack Obama hatte im Sommer 2009 einen Grossteil seiner Kandidaten noch in den Hearings stecken. Trump war noch nicht einmal zwölf Stunden im Amt und es wird kritisiert, dass seine Regierungsmannschaft noch nicht vollständig ist. Und auch, dass die Website noch nicht alle Programmpunkte abarbeitet, ist bei Pitzke ein Punkt der mangelnden Regierungsfähigkeit des neuen Präsidenten.

Hier sollten sich Pitzke und seine Kollegen fragen, ob dies wirklich der Umgang für die nächsten vier oder acht Jahr sein sollte. Es wäre angemessener, Donald Trump an seiner realen Regierungsarbeit zu messen und sich nicht mit einer beständigen „He is not my president“-Kampagne aufzuhalten.